Indien

Es sind Bilder und Szenen, die einem nicht aus dem Kopf gehen. Man wird sie nie mehr vergessen. Denn das Eintauchen hoch herab vom Sprungbrett der Wohlstandsgesellschaft hinunter ins Tief der bittersten Armut hinterlässt Spuren bei denen, die helfen wollen und bald schon merken, dass ihre Tat wie ein Tropfen auf den heißen Stein in sekundenschnelle trocknet.

Wir sind im Süden Indiens. Neun Leute aus der Oberpfalz, die mit dem katholischen Geistlichen Rajulu Kata einen langen Flug hinter sich gebracht haben. Rajulu Kata ist Pfarrer der Gemeinde Weihern bei Pfreimd im Landkreis Schwandorf. Ein Mann mit Grundsätzen, der sehr wohl weiß, wie es um seine Heimat bestellt ist. Deswegen hat der 50jährige eine Hilfsorganisation gegründet und etwas auf den Weg gebracht, was aus seinem Glauben heraus getan werden muss: Hoffnung dort bringen, wo Not und Elend unbeschreiblich sind.

Die Hoffnung: "Wie ein Tropfen auf dem heißen Stein", sagt irgendjemand aus der Reisegruppe. Und man denkt: "Es soll regnen auf diesen Stein. Jahrelang regnen!". Wolkenbrüche wären angebracht. Jedoch: Sie werden nicht statt finden. Manchmal kann man wütend werden auf all die Großen und Verantwortlichen auf diesem Globus.

10 000 Rupien bekommt die Vertreterin der Frauengemeinschaft von Velverthy, einem Dorf 80 Kilometer nordwestlich von Hydrabad. Dieser Betrag nimmt sich kolossal aus. Nach deutschen Verhältnissen sind es gerade mal 250 Euro. Nur selten gibt Pfarrer Rajulu Kata Bargeld. Doch zur Vorsitzenden der Frauengemeinschaft hat er Vertrauen.

Der Geistliche weiß: Die ärmsten der 100 Familien werden endlich ein massives Dach auf ihre Hütte bekommen. Oder eine Tür, dann könnten womöglich weniger Schlangen und Skorpione in die Elendsquartiere.

In anderen Dörfern hilft der Pfarrer nur mit Naturalien. Er ordert einen Lastwagen voll mit Dachplatten, lässt anliefern, beauftragt den Bürgermeister mit der Verteilung. So ist Rajulu Kata eine Art Karlheinz Böhm für seine südindische Heimat geworden.

Zwischenzeitlich gibt es ein kleines Büro in Secunderabad, in dem Josef und Arulapa, zwei Mitarbeiter Rajulu Katas, das ganze Jahr über beschäftigt sind, die Bitten der Armen anzuhören, zu prüfen und Hilfe in die Wege zu leiten. Nicht nur Katholiken kommen. Doch da spielt erneut der Glaube eine Rolle: Jeder Mensch ist gleich, besitzt ein Mindestmaß an Anspruch auf seine Existenz.

Die Not hat viele Gesichter. Dort, in einem der ärmsten Gebiete auf diesem Erdball leben Leute vom Müll. Neugeborene werden wie Abfall behandelt und man mag es nicht für möglich halten, auf die Halde geworfen. Vor allem Mädchen. Der Oberpfälzer Reisegruppe wird eine Mutter vorgestellt, an deren Sari ein Mädchen klammert. Etwa zwei Jahre alt und scheu. Die Kleine hat Angst, beginnt zu weinen, mag nicht fotografiert werden. Ein eher ungewöhnliches Verhalten angesichts vieler, die auf eine zustürmen und gerne Süßes nehmen.

Pfarrer Rajulu Kata hat eine Erklärung. Sie trifft wie ein Keulenschlag, ist schier unfassbar. "Das Kind", sagt er, "wurde von seiner Mutter nach der Geburt auf den Müll geworfen. Ich habe das erfahren, bin hingegangen und habe versprochen, für das Mädchen zu sorgen". Und dann sagt er: "Sie heißt Swapno und nun siehst du ja, sie lebt."

Wir sind in Govidapuram. Für Indien ein Vorzeigedorf. Mit Kindergarten, Grund- und Hauptschule, einem Internat für Jungen und Mädchen. Schule und Internat werden von der Hilfsorganisation des Pfarrers aus dem oberpfälzischen Weihern unterstützt. Sonst gäbe es sie nicht. Denn erstaunlicherweise übernimmt die Regierung der Kosten einer Schule erst, wenn sie sich sieben Jahre bewährt hat. Dann bekommen Lehrer ihr Gehalt vom Staat. Früher nicht. Die Lehrmittel aber müssen nach wie vor von der Schule selbst aufgebracht werden. Oder in diesem Fall: Von der Kirche.

Die Kinder im Internat sind zumeist Waisen. Einige haben Gönner in Deutschland. Anthonama hat Pateneltern in Schwandorf, Priyanka wird von Wohltätern aus Altenstadt unterstützt. Jährlich kostet das 130 Euro. Und wieder denkt man: Wie viele gibt es bei uns, die eine solche Summe für ein Abendessen ausgeben? Für fünf Zigarren oder eine Flasche Champagner?"

Die Besichtigung der Internate zeigt auf, dass dieses Wort in keiner Weise mit dem in Einklang zu bringen ist, was man bei uns darunter versteht. Jeweils fünfzig Kinder schlafen in einem großen Raum auf Matratzenlagern, in der eher einem schwarzen Loch gleichenden Küche mühen sich vier Frauen, um für 300 Jungen und Mädchen den täglichen Reis mit Linsensoße zu garen. Manchmal gibt es Obst und Brot, heute sind ein paar Fleischbrocken in der Soße. Trostlos und doch, eine Einrichtung, die fast schon Privilegcharakter besitzt.

Auch das ist Indiens Süden: Für 150 Mädchen in diesem Internat gibt es nur sechs WC´s, die gleichzeitig Nasszellen sind. Nasszellen mit einem Brausekopf an der Decke und einem Abflussloch am Boden. Sonst nichts. Und die Jungen? Sie müssen am Morgen nicht anstehen. Für sie gibt es genügend Natur rings um das Dorf. Der Rektor ist ein freundlicher Mann. Er bringt bescheiden einen Wunsch vor, hätte gerne ein paar weitere Nasszellen. Die Kosten? Etwa 1500 Euro. Rajulu Kata muss passen. Er kennt weitaus dringendere Fälle, bittet um Geduld. Vielleicht im nächsten Jahr.

Dastehen und momentan nicht helfen zu können, ist schlimm. Es kommt schlimmer. Als sich der Minibus etliche Meilen weitergequält hat, geraten mit Schilf gedeckte Hütten ins Blickfeld. Kinder nähern sich, Erwachsene dazu. Aus der Menschentraube heraus werden Kinder zum Verkauf angeboten. 6000 Rupien ist der Preis; nach unserem Geld rund 150 Euro. Irgendwann nähert sich die Angebotssumme dem Nulltarif. "Nehmt das Kind mit", wird offeriert. Pfarrer Rajulu Kata kennt solche Verfahrensweisen, lehnt sie ab.

Doch vielleicht kann er irgendwann diesen erbarmungswürdigen Lebewesen wie den Kindern aus dem Hüttendorf ein Zuhause bieten. Der Gottesmann hat von seinen Eltern ein Grundstück geerbt und ließ ein Gebäude darauf errichten. 75 000 Euro kostet es. Und irgendwann soll dieses Anwesen ein Waisenhaus werden. Ein Hort für Elternlose und Verstoßene, ein Domizil aber auch für die Organisation "I am the life society" und ihre Besucher. Denn irgendwann glaubt der Geistliche unerschütterlich daran, dass es Menschen gibt, die mithelfen und irgendwann einmal sehen wollen, was aus ihrem Geld geworden ist.